Externe Expertise oder selber machen?

Die wichtigste Entscheidung zu Beginn: Wollt ihr den Prozess und die Moderation selbst organisieren oder eine erfahrene, externe Moderation dazu holen? Die Moderation ist durchaus anspruchsvoll, sie muss fair und neutral sein, auf das richtige Gesprächsklima achten und das gemeinsame Ziel im Auge behalten. Seid euch bewusst, dass Träume und Visionen ein emotionales Thema sind – dieser Prozess kann also viel positive Energie und Verbundenheit erzeugen, aber auch Ängste und Unsicherheiten mit sich bringen.

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Die Gruppe auf Hof Prädikow hat dem Thema Vision viel Zeit und Geduld gewidmet.  | Foto: Eric Birnbaum

Schritt 1: Wo kommen wir her?

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Der Workshop zur Abstimmung des Architekturkonzepts der Dorfscheune Prädikow wurde von internen Experten geplant und moderiert. | Foto: Eric Birnbaum

Macht euch bereit für eine kleine Reise in die Vergangenheit und nehmt euch etwa 45 Minuten Zeit für einen Blick in den “Rucksack”, den ihr als Gruppe mitbringt. Arbeitet in Teilgruppen von maximal 7 Personen, damit jede*r zu Wort kommen kann und denkt daran, die wichtigsten Punkte aufzuschreiben. Diskutiert folgende Fragen: Welche Werkzeuge bringen wir mit? Welche Erfahrungen können wir nutzen? Welcher Ballast hat uns in der Vergangenheit gehindert? Führt am Ende gegebenenfalls die einzelnen Gruppen zusammen.

Schritt 2: Wo wollen wir hin?

Willkommen in der Visionsphase! Hierfür gibt es verschiedene Methoden und Wege. Eine ist folgende: Jede*r notiert zuerst 15 Minuten lang seine oder ihre individuelle Vision, dann wird in einer Kleingruppe diskutiert. Stellt euch 30 Minuten lang den Fragen „Was verbindet uns als Gruppe?” und „Was teilt uns?”. Fügt die Erkenntnisse danach in Kleingruppen etwa eine Stunde lang zu einem gemeinsamen Visionssatz zusammen, der ein übergeordnetes Ziel ins Auge fasst, dass über das konkrete Projekt hinausweist. Die entstandenen Visionssätze werden anschließend in der Gesamtgruppe vorgestellt und diskutiert. Am Ende sollte ein einzelner Satz daraus entstehen. Je knackiger, desto besser. Es kann nötig sein, zu einem zweiten oder auch dritten Termin zusammen zu kommen, bis man den richtigen Visionssatz gefunden hat. In einem weiteren Schritt wird dann die Mission mit ihren konkreten inhaltlichen Zielen bestimmt.

Tipp

Weicht die Vorstellung Einzelner stark von denen der anderen ab, solltet ihr euch der Frage stellen: Ist es besser, alle Vorstellung zu integrieren und damit das gemeinsame Ziel zu verwässern, oder ist die Gruppenkonstellation vielleicht nicht die richtige?

Eine andere Herangehensweise ist die Dragon Dreaming-Methode. „Träumen” ist eine der vier Phasen, über die Projektentwicklung stattfinden kann. Im „Traumkreis” erzählt der*die Initiator*in des Projekts von seinem oder ihrem Traum und stellt dann eine generelle Frage à la „Wie müsste das Projekt beschaffen sein, damit du hinterher sagen kannst, besser hätte ich meine Zeit nicht verbringen können?” Daraufhin werden der Reihe nach Ideen beigetragen und Bedürfnisse formuliert. Ziel ist es, zu identifizieren, was gebraucht wird, damit sich alle zu 100 Prozent mit dem Projekt identifizieren können.

Mehr zur Dragon Dreaming Methode findet ihr hier: 

Wichtig

etabliert eine wertschätzende und aktiv zuhörende

Gesprächskultur – ohne Wertungen und Diskussionen. Hier kann euch die

Auseinandersetzung mit dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation weiterhelfen.

Schritt 3: Was sind unsere Ziele?

Nun solltet ihr euch fokussieren und eure Ziele bestimmen. So schafft ihr es, ein gemeinsames Verständnis für die Begriffe zu entwickeln. Denn wenn die Beschreibung einer Vision ganz groß und offen ist, fällt es zwar leicht, sich darauf zu einigen, am Ende hat aber doch jeder seine eigene Vorstellung davon, was sich hinter den Worten verbirgt. Mit einem konkreten Ziel hingegen (z.B. einem öffentlich zugänglichen Gewerbe, kombiniert mit Wohneinheiten oder einem gemeinwohlorientierten Angebot, getragen vom Engagement der Macher*innen) einigt ihr euch auf eine begrenzte, erreichbare, zukünftige Bedingung, die handlungsorientiert ist sowie mögliche Konsequenzen (Publikumsverkehr nahe der Wohnung, viel ehrenamtliches Engagement neben der Erwerbsarbeit) gleich mitdenkt.

Drei zentrale Ebenen und Leitfragen können euch dabei helfen, eure Ziele zu definieren:

Schritt 4: Wie kommen wir da hin?

Überlegt euch, was ihr braucht, um eure Vision zu erfüllen. Stellt euch folgende Fragen:

Was ist tatsächlich machbar mit den vorhandenen Ressourcen? Erstellt einen Überblick über eure zeitlichen und finanziellen Ressourcen für das nächste Jahr: Wie viele Stunden kann jede*r verlässlich pro Woche/Monat reingeben? Wieviel kann jede*r finanziell zur Umsetzung eurer Vision beitragen? Wie geht ihr mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Projektmitglieder um?

Welche Prioritäten haben eure einzelnen Ziele? Was soll kurz-, mittel- und langfristig umgesetzt werden? Definiert dafür Meilensteine!

Wie wollt ihr euch organisieren? Wann finden regelmäßige Treffen statt und in welchem Kreis? Das Einrichten von Arbeitsgruppen sinnvoll, um die Realisierung voranzutreiben. Schaut euch dazu auch den New Work Ansatz (mehr dazu hier unter Schritt 2) an.

Überlegt euch, was ihr braucht, um eure Vision zu erfüllen – aber erst, nachdem ihr euch auf konkrete Ziele geeinigt habt. Es ist wichtig, die Visionsentwicklung von den Möglichkeiten der Realisierung zu trennen, um Denk- und Fühlschranken zu vermeiden.

Tipp

Spielt verschiedene Szenarien und die damit einhergehenden Rahmenbedingungen durch, um euch konkreter vorstellen zu können, wir ihr als Gruppe eure Ziele erreicht.

 - Foto: Jana Dünnhaupt

Zukunftsbilder: Oft ist es hilfreich, konkrete Bilder für die eigene Vision zu finden. | Foto: Jana Dünnhaupt

 | Foto: Jana Dünnhaupt

So ein Projekt ist nicht nur Wohn- oder Arbeits-, sonder auch Selbstentwicklungsprojekt. Man lernt dabei immer wahnsinnig viel für und über sich persönlich.

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Julia Paaß / Gründerin / Netzwerk

Hof Prädikow

Schritt 5: Wie geht’s weiter?

Mit den Eckpunkten eurer „Rohvision” könnt ihr unterschiedlich weiterarbeiten. Ihr könnt die Vision medial überarbeiten, bebildern und feierlich verabschieden. Es empfiehlt sich, dass sich alle Mitglieder der Gruppe auf die Vision committen, z.B. durch eine Unterschrift, und dass dieses verbindliche Commitment auch bei allen neu hinzukommenden so gehandhabt wird. Vielleicht macht ihr euch danach direkt an eure Kommunikationsmittel wie eine Broschüre, Homepage oder Präsentation vor der Gemeinde. Zudem solltet ihr euch schon konkrete Maßnahmen ausdenken, mit denen ihr eure Ziele praktisch umsetzt und anschauliche Zukunftsbilder erstellen, die auch von Externen diskutiert und bewertet werden können.

Beim Onboarding neuer Mitglieder sollte auch die Vision und deren Commitment dafür einen festen Platz haben. Auch hier ist die feierliche Unterzeichnung der Vision bei Aufnahme ein gutes Mittel: jede*r feste Projektteilnehmer*in sollte gewillt sein, die Vision nach Kräften zu unterstützen.

So oder so solltet ihr euch unbedingt kurz auf die Schulter klopfen und stolz auf euch sein – schließlich habt ihr nun eine gemeinsame Richtung für euren Zukunftsort erarbeitet. Chakka!

Tipp

Wenn ihr eure Vision der Gemeinde, dem Dorf oder den Nachbarn vorstellt, seid euch bewusst, dass hier Visionen meist nicht viel Wert beigemessen wird und vielfach eher Skepsis hervorrufen. Die Darstellung der Vision mit handfesten Aktionen und Möglichkeiten zur Interaktion zu ergänzen, kommt meist gut an. Hier wiegen Taten mehr als Worte! Mehr dazu hier.

 - Foto: Pablo Lopez

Der Garten des Projektraumes Drahnsdorf eignet sich auch gut zum Visionen schmieden – Ausblick inklusive. | Foto: Pablo Lopez

 | Foto: Pablo Lopez

Drei gute Anregungen für eure Zukunftsort-Vision

Zukunft für Alle – eine Vision für 2048


Das Konzeptwerk Neue Ökonomie hat gemeinsam mit ­Menschen aus Zivilgesellschaft, sozialen Bewe­gungen und Wissenschaft eine solidarische Zukunftsvision entworfen. Carola Rackete, Ökologin und Seenotretterin, sagt darüber: "Alle die sich fragen, wie denn eigentlich eine ökologisch gerechte und wirklich demokratische Gesellschaft jenseits von Kapitalismus, Wachstum und Konkurrenz aussehen könnte: Lest das Buch “Zukunft für alle”.

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1000 Orte für die Zukunft in Ostdeutschland


Auch das Netzwerk Zukunftsorte hat eine Vision für 2030 geschrieben. Darin geht es um die Wirkung, die Zukunftsorte besonders im ostdeutschen Raum entfalten können – gerade wenn sie sich miteinander vernetzen. Strukturwandel, Zusammenhalt und Teilhabe, Kreislaufwirtschaft, Sharing Ökonomie, Diversität… alles Gerichte im Zukunftsorte-Menü. Ihr seid eingeladen mitzukochen!

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Coliving Manifesto


In den letzten Jahren sind Coliving Spaces entstanden. Sie haben das Potenzial, eine Rolle bei der Bewältigung von Einsamkeit, übermäßigem Konsum und der Umweltkrise zu spielen. Um dahin zu kommen, braucht es aber ein gezieltes Vorgehen. 

Zusammen mit Betreibern, Entwicklern, Investoren, Organisationen, Vordenkern und Anwohnern hat das Team von "Conscious Coliving" eine ganzheitliche Vision für Coliving entwickelt, die Projekte dabei unterstützen kann, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Diese Crowdsourcing-Forschung wurde in einem Open-Source-Framework erfasst: Das Conscious Coliving Manifest v3.0

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Die Große Transformation in strukturschwachen Gebieten schaffen


Die Studie “Die Übergangenen” der Friedrich Ebert Stiftung beleuchtet anhand von Gesprächen mit Menschen aus vom Strukturwandel betroffenen Regionen die Herausforderungen und Widerstände im Bezug auf den notwendigen “Großen Wandel” vor Ort. Die Lektüre der gut gemachten Studie kann eine wichtige Grundlage für eure Vision sein, denn sie nimmt nicht nur die Chancen in den Blick, sondern auch die Menschen und Herausforderungen, die bei der Umsetzung eine große Rolle spielen können.

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Vision

Wozu ihr eine Vision braucht und wie ihr sie entwickelt

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