Die eigentliche Arbeit fängt nun an.

Betreiben heißt, die Ideen und Konzepte, die ihr lange entwickelt und vorbereitet habt, nun auch tatsächlich umzusetzen. Mit der Suche, der Gründung und dem Bau habt ihr die Grundlagen geschaffen, damit der Zukunftsort existieren kann. Jetzt (be) lebt ihr ihn. Die eigentliche Arbeit fängt also gerade erst an. Und mehr noch: Es gibt keinen fertigen Zustand des Projektes, es wird sich immer weiterentwickeln und neuen Akteur*innen und Umständen anpassen. Mit dem Beginn des aktiven Betriebs wird ein wichtiger Meilenstein gesetzt. Die Phase wird erneut anstrengend, aber auch unfassbar aufregend. Wie in der Bau-, Such- oder Gründungsphase lebt das Projekt auch während des Betreibens von Veränderung : Man sucht sich eine weitere Immobilie in der Gegend, um sich zu vergrößern, verändert die Rechtsform oder passt die Gruppenstruktur an. Diese Entwicklung gehören zum normalen Prozess. Behaltet das im Hinterkopf und los geht’s.

 - Photo: © Frauke Schuhmann

Willkommen! Coworking-Gästehaus "terezas" in Stolzenhagen 

 | Photo: © Frauke Schuhmann

Die Entwicklungsphasen eines Zukunftsorts

Wie ihr die Grafik für euch nutzen könnt.

Jeder Zukunftsort ist anders: groß, klein, viele oder wenige Gebäude, Gruppen und/oder Unternehmer*innen … Darum sind auch die Entwicklungsschritte recht individuell – doch die emotionalen Kurven ähneln sich erstaunlich. Trotz des großen Unterschieds in der Projektgröße sind die Entwicklungsphasen des Coconat und der Kaiserlichen Postagentur in Abfolge und Verhältnis zueinander recht ähnlich, auch die Emo-Kurve ist durchaus vergleichbar. Im Wohnprojekt Hof Prädikow sind die Phasen jedoch ganz anders und die emotionalen Höhen und Tiefen scheinen sich - auch dank des Teilprojekts Dorfscheune - manchmal zu überschlagen. Anhand der Erfahrungen von 3 Zukunftsorten könnt ihr exemplarische Abläufe sehen. Welche Zukunftsort-Typ seid ihr?

Relevante Themen in dieser Phase

Sechs Wahrheiten über das Betreiben eines Zukunftsorts

Jetzt ist alles organisiert - Gebäude gekauft und umgebaut, der Plan ist gemacht, das Gewerbe gegründet und die Gruppe oder das Team steht noch - also sind wir jetzt fertig? Leider nicht so ganz. Seit ihr euch als Gruppe zusammengefunden und auf Immobiliensuche gegangen seid, ist wahrscheinlich einiges an Zeit vergangen. Spätestens jetzt, wo ihr mit eurem Betrieb so richtig loslegen könnt, seid ihr gut damit beraten, eure Vision und Gruppenkonstellation nochmal zu prüfen und zu schauen, ob sich mit dem Status Quo alle gut identifizieren können. Denn es wäre nicht überraschend, wenn sich unterwegs so manches anders als gedacht entwickelt hat. Stimmt also das, was ihr jetzt tut, noch mit eurer anfangs formulierten Vision und Mission überein? Außerdem sind Theorie und Praxis am Ende doch zwei verschiedene Dinge. Vorher schön gedacht, kann der ein oder andere Weg in der Umsetzung dann doch auf Ablehnung stoßen. Lasst euch davon nicht abschrecken, bleibt neugierig und stellt euch darauf ein, Arbeitsmethoden, Hierarchien, Vermarktung oder auch das Angebot gegebenenfalls an die Bedürfnisse der Nutzer*innen anzupassen. Auch eure Zielgruppe kann sich über die Zeit verändert haben.

Gut Boltenhof
Wie baut man ein gutes Team auf?

Wie genau ihr den Einstieg in euer Unternehmen gestaltet, bleibt euch überlassen und ist vor allem von Größe und Umfang eures Unternehmen und Angebots, aber auch von der Aufstellung eures Teams abhängig. Ob ihr in eurem Projekt den Fokus Wohn- Arbeits- oder offener Ort gesetzt habt, ist hierbei ausschlaggebend. Als Wohnort wird vielleicht erstmal fertig renoviert, bevor der Unternehmen aufgezogen wird. Je größer die Projekte sind, desto langwieriger können die einzelnen Prozesse sein. Bau und Betrieb wechseln sich dann sozusagen immer wieder ab und der eigene Betrieb finanziert einzelne Bauabschnitte. Das verzögert natürlich den Bauprozess und ist daher beispielsweise leichter umzusetzen, wenn nicht alle oder manche nicht unmittelbar auf das Projekt als Wohnort angewiesen sind.

Janosch vom Zukunftsort Coconat berichtet zum Beispiel, dass sie eine schon genehmigte Förderung wieder absagen mussten, da sich kein geeignetes Brandschutzkonzept für eine Umbaumaßnahme finden konnte. Solche Hürden können auch im Prozess des Betreibens noch auftauchen und stellen euch vor die Herausforderung, spontan zu reagieren und Alternativen zu finden.


Schritt für Schritt - das Immer-weiter-machen hält das Projekt am Leben.

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Ina Fettig / Gründerin
Kaiserliche Postagentur
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heimatHof Gut Ziegenberg

Verschiedene Angebote aufgleisen

Verschiedene Angebote aufgleisen

Der Frage, wie wachstums- oder gemeinwohlorientiert ihr wirtschaften wollt, habt ihr euch wahrscheinlich bereits in der Gründungsphase gewidmet. Wenn sich euer Gewerbe zu einem gewissen Grad dem Gemeinwohl verschreibt, seid ihr besonders auf den Zuspruch der Menschen vor Ort und der Region angewiesen. Euer Angebot wird nur genutzt werden, wenn es den Bedürfnissen der Menschen und dem Wohl der Region entspricht. Gleichzeitig erschweren die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den Betrieb eines Sozialunternehmens. Und da die Gemeinschaften auf dem Land oft klein und vertraut und die kommunalen Strukturen vernetzt und familiär sind, wird sich euer Projekt erst durch die Zusammenarbeit mit den lokalen Akteur*innen und Initiativen wirklich etablieren können.

Im sozialunternehmerischen und ländlichen Tätigkeitsfeld ist die Kommunikation eine andere, die Menschen begegnen sich direkter, vielleicht aber auch kritischer. Transparenz, Kooperation und verbaler Austausch und mit der Regel erst sondieren, dann machen fährt man eigentlich immer gut.

Es gibt Unterschiede in den Entwicklungsphasen zwischen Sozialunternehmen im urbanen oder ländlichen Raum.

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 - Photo: © Christian Kant
Norbert Kunz / Geschäftsführung

Social Impact

Durch Öffentlichkeitsarbeit für euer Projekt und eure Angebote bzw. Veranstaltungen könnt ihr Interessierte und potenzielle Förderer leicht auf euch aufmerksam machen - sei es mit eigener Webseite oder Social-Media-Profilen.Das Interesse der Öffentlichkeit kann auch schnell zu viel werden. Julia vom Zukunftsort Hof Prädikow berichtet, dass sich die Anfragen nach Interviews, Studentenprojekten, Forschungsvorhaben häuften und sie nicht mehr Kapazitäten hatten, alle Anfragen zu beantworten. Definiert vorab, wie ihr euch als Projekt in der Öffentlichkeit präsentieren und welche Rückmeldungen bzw. Anfragen ihr generieren wollt. Wollt ihr zu Besichtigungen vor Ort einladen und das spontan oder nur mit Anmeldung? Bietet ihr online gezielte Informationen zu Veranstaltungen und Workshops oder wollt ihr auch eure Vision und ideologische Werte vermitteln? Präsentiert ihr fertige Ergebnisse oder auch unfertige Prozesse? Für welche Form des Austauschs seid ihr offen? Wollt ihr offizielle Interviews geben oder kann jeder auf dem Hof vorbei und mit euch ins Gespräch kommen? Überlegt euch, wer über euch berichtet und welche Botschaften darin vermittelt werden.  Achtet dabei zum Beispiel auch auf Narrative von Stadt versus Land! Es empfiehlt sich, dass eine Person explizit für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und sie im Sinne eurer Vision organisiert.

Es war Teil der Strategie, unser Vorhaben öffentlich zu machen und durch die Bekanntheit Fördergelder zu ermöglichen. Obwohl manche in der Gruppe auch skeptisch waren, hat es meiner Meinung nach gut funktioniert. Mittlerweile haben die Anfragen aber so überhand genommen, wir kommen nicht mehr dazu, alle zu beantworten.

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Julia Paaß / Gründerin und Beraterin
Hof Prädikow
 - Foto: Lena Heiß
COCONAT
How good PR can support your project

How good PR can support your project

Was wahrscheinlich alle Zukunftsortemacher*innen bestätigen werden, ist wie wichtig der Austausch zu anderen Projekten ist. Seid großzügig mit eurem Wissen und euren Erfahrungen, ihr könnt auch einiges von anderen lernen. Jedes Projekt hat seinen eigenen Rhythmus und kommt vielleicht zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu denselben Fragen. Da alle ein gemeinsames Ziel verfolgen, könnt ihr nur gewinnen, wenn ihr euch gegenseitig helft. Das Netzwerk Zukunftsorte ist eine Plattform, auf der ihr beispielsweise Kontakt zu anderen Projekten dieser Art knüpfen und eure Erfahrungen teilen könnt. Bleibt aber nicht nur in der Blase der Zukunftsorte unterwegs, sondern vernetzt euch unbedingt auch mit den Vereinen in eurer Region, eignet euch deren Wissen an, gebt eures weiter und tauscht Ideale und Kompetenzen aus. Je breiter und diverser Netzwerke aufgestellt sind, desto nachhaltiger können Werte weitergetragen  werden und desto schneller können sich wirtschaftliche und kommunale Strukturen wandeln.

Tipp

Eine weitere Plattform für engagierte Landprojekte ist die Plattform Land lebt doch!, initiiert vom Neulandgewinner Verein. Hier findet ihr viele spannende Projekte, Wissen und Vernetzungsmöglichkeiten.

 - Foto: Lena Heiß
COCONAT

The benefits of being part of a network

The benefits of being part of a network

Spätestens jetzt werdet ihr direkt spüren können, wie euer Projekt in der Umgebung ankommt. Grundsätzlich und die ganze Zeit über gilt: Vorsicht vor Entwicklungen, die später nicht mehr so leicht aufzuhalten sind! Gentrifizierung ist längst auch ein Thema im ländlichen Raum. Beobachtet, wie die Reaktionen auf eure Arbeit sind und reagiert entsprechend auf die Signale der Anwohner*innen oder Behörden. Die Integration eures Projekts in die Umgebung gelingt umso leichter, je mehr Zeit ihr auch tatsächlich vor Ort verbringt und je mehr von euch schon fest am Standort wohnen. Und Integration geht immer in zwei Richtungen: Nehmt selbst an den Veranstaltungen und den gemeinschaftlichen Traditionen des Dorfes teil. Seid offen für neue Perspektiven und legt jede besserwisserische Haltung ab.

Auf der anderen Seite sei gesagt: ihr könnt es nie allen recht machen. Manche wollen einfach alles Neue blöd finden. Hier empfiehlt sich, Ruhe zu bewahren, mit Offenheit, Transparenz und Freundlichkeit weiter zu machen und die Zeit für sich arbeiten zu lassen. Oft braucht es einfach ein paar Jahre, bis Gewöhnung eintritt und Vertrauen aufgebaut ist. Pflegt liebevoll den Kontakt zu euren Unterstützer*innen und hört nicht auf, eure Kritiker*innen einzuladen. Irgendwann zahlt sich das aus.

Für mich ist Regionalentwicklung vor allen Dingen ein Bottom-Up Prozess, in dem viele Beteiligte, Branchen und Interessen übergreifend gemeinsam herausfinden oder auch sich Ziele setzen.

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Grit Körmer / Regionalmanagerin

LAG Märkische Seen e.V.

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