Teilhabe und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Die Entwicklung gemeinschaftlich genutzter Räume bietet die Chance, ein Projekt mit Mehrwert für alle Bürger*innen zu schaffen und - je nach Region - die negativen Erfahrungen der Wende-Generation in etwas Neues zu überführen. Interessierte Anwohner*innen, lokale Vereine und künftige Nutzer*innen sollten von Anfang an in die Konzeption einbezogen werden. Das steigert ihre Identifikation mit und ihr Engagement für das Projekt. Plötzlich werden Konsument*innen zu Produzent*innen und das Dorf und die Nachbarschaft erfährt einen regelrechten Energieschub. Neue Allianzen bilden sich – oft auch ortsübergreifend und das fördert nicht zuletzt auch demokratische Prozesse und Teilhabe in Ihrer Region.

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Die Bevölkerung teilhaben lassen

Lebensqualität

 - Photo: Jana Dünnhaupt
Wo der Austausch funktioniert, muss man um den Zusammenhalt nicht fürchten


 | Photo: Jana Dünnhaupt

Ich bin immer noch gerührt und begeistert von der Dynamik, die dieses Haus mit einem Mal entfaltet hat. Die Gespräche, die Menschen dort miteinander führen, die führen sie nicht auf der Straße.

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Frederik Bewer / Bürgermeister

Stadt Angermünde

Attraktiver Wohnraum

Während Neubausiedlungen im Speckgürtel auf den steigenden Siedlungsdruck der Großstädte reagieren, kämpfen weiter entferntere Gegenden nach wie vor mit Abwanderung. Es ist längst an der Zeit, diesen Tendenzen proaktiv zu begegnen und über zukunftsfähigen, resilienten Wohnraum nachzudenken. Wohnformen wie Gemeinschaftsprojekte, Mehrgenerationen- und Clusterwohnen oder minimalistisches Wohnen in Tiny Houses sprechen neue Zielgruppen an und erfreuen sich steigender Beliebtheit.

Vom alten Gutshof über ein ausgedientes Schaltgerätewerk hin zum zerfallenden Bahnhof oder einer ehemaligen LPG – aus beinah jedem Gebäudetyp lassen sich neue Nutzungen erschließen. So entsteht vielfältiger Wohnraum, der Ressourcen schont und Bestände wiederbelebt.

Projekte, die Zusammenleben in reaktivierten Bestandsgebäuden austesten, sind in vielfältiger Hinsicht zukunftsorientiert: Sie tragen zu einer nachhaltigen Stadt- und Dorfentwicklung bei, stärken Teilhabe und fördern eine sozial-ökologische Transformation.

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Cordelia Polinna / Geschäftsführerin

Forward Berlin

Das ehemalige Schaltgerätewerk wurde zu neuem Wohnraum umgebaut und ist seitdem ein Beispiel für ein solidarisches und nachhaltiges Leben in einer ländlichen Kleinstadt. Als Mosterei errichtet und später als Schaltgerätewerk genutzt, beherbergt das 17.200 qm große ehemalige Fabrikgelände in Werder heute ein genossenschaftliches Wohnprojekt mit Wohn- und Lebensraum für 150 Menschen unterschiedlicher Generationen entstanden. Ob Energieversorgung über Photovoltaik, ökologischer Lehmbau, Klimawerkstatt, Foodcoop oder ein eigens ins Leben gerufener Solifonds, das Uferwerk ist mit seinen Initiativen ein Modellprojekt für solidarisches und nachhaltiges Leben.

 - Photo: Mirko Kubein

Viel Raum im Uferwerk – gerade für die Jüngeren.

 | Photo: Mirko Kubein

Ein Gutshof im Familienbesitz wandelt sich vom produzierenden Betrieb zu einem modernen Landhotel mit Restaurant. Neben Hofladen und neuer Infrastruktur sind zahlreiche neue Arbeitsplätze entstanden. Das Gut Boltenhof ist mit verschiedenen Wohnformen gestartet: festes Wohnen im Erstwohnsitz der Gründerfamilie und weiteren Betreibenden, temporäres Wohnen der Besucher*innen. Bei einigen wurden die geplanten Besuche jedoch immer öfter ausgedehnt, verlängert und zunehmend in festen Wohnsitz überführt, da der attraktive Hof mit seiner umfassenden, familienfreundlichen Infrastruktur alles bietet, was man braucht. Corona hat diesen Trend noch begünstigt. Mittlerweile haben 10 Menschen ihren Erstwohnsitz im Dorf und ca. 20 weitere auf dem Gut, weitere 20 ihren Zweitwohnsitz. Insgesamt sind feste Wohnungen für 90 Menschen geplant.


 - Photo: Janu Weriest

Die Bewohner*innen genießen die Gemeinschaft.

 | Photo: Janu Weriest

Multifunktionale Räume

Orte mit mehreren Funktionen haben positive Effekte auf den Zusammenhalt und die Integration: Durch verschiedene Nutzungen ziehen sie unterschiedliche Zielgruppen an und werden damit automatisch zu lebendigen Treffpunkten. Multifunktionale Räume sind flexibel nutzbar und lassen sich an die jeweiligen Bedarfe anpassen. Die offenen Orte bleiben auch dann belebt, wenn eine der Nutzung stagniert oder stoppt. Der Aufbau solcher Räume ist zudem ressourcenschonend für die Gemeindekasse, da verschiedene Nutzungen an einem einzigen Ort untergebracht werden können. Auch der Klimaschutz profitiert davon, wenn Gebäude effizient genutzt werden, denn das Bauen ist nach wie vor einer der größten Klimakiller.

Es ist entscheidend, dass wir Räume schaffen, wo man sich treffen kann. Wenn man die nicht hat im ländlichen Raum, gibt es keine Stadt-Land-Verflechtungen und es ist schwer, junge Menschen zurück in die Region zu holen.

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Marco Beckendorf / Bürgermeister

Wiesenburg (Mark)

 - Photo: Jana Dünnhaupt

Ehemalige See-Container beherbergen nun Werkstätten und Kreativräume für Jung und Alt.

 | Photo: Jana Dünnhaupt

Getreu ihrem Motto “Stell dir vor, deine Stadt ist wunderbar, und du bist schuld daran!” entwickelte eine Gruppe engagierter Bürger*innen einen Treffpunkt für Stadt-Projekte, Kultur, Bildung und Gewerbe. Der Vierseitenhof beherbergt viele Nutzungen: Das heimatWERK, eine Werkstatt in einem ehemaligen Seecontainer, ist ausgestattet mit analogen und digitalen Maschinen und bietet Platz für die handwerkliche und künstlerische Entfaltung. Das heimatKONTOR verkauft lokal und umweltverträglich produzierte Produkte und Lebensmittel, während die heimatHERBERGE als Bed & Breakfast Touristen, Künstler*innen und Ballenstedter*innen auf Zeit empfängt. Der heimatRAUM bietet Platz für gemeinschaftliches Arbeiten, Vorträge, Workshops, Trainings und Kurse. Im heimatLABOR werden neue Projekte für die Stadt entwickelt.

Ein lebendiger Wohnort und Treffpunkt mit Kneipe, Dorfwohnzimmer und Coworking Space für Einheimische und Zuziehende, der das ehemalige LPG Gelände im Osten Berlins langfristig sichert. Die Scheune Prädikow vereint auf 250 qm verschiedene Nutzungen: im Coworking Space arbeiten Selbständige aus Dorf und Region, es gibt Raum für Treffen und Veranstaltungen lokaler Vereine, einen Raum für den Kreativ-Club und für geschäftliche Meetings. In der Gastro-Küche kann auch gemeinschaftlich gekocht werden und im großen Saal finden ebenso Seminare statt wie Kulturveranstaltungen, Musik-, Tanz- und Sportkurse. Der Tresen der Café-Kneipe bringt alle zusammen: Einheimische, Zugezogene, Touristen.


 - Photo: Adam Naparty
Seminarraum, Festsaal, Tanzstudio, Coworking-Space, usw.

All das und viel mehr beherbergt die Scheune Prädikow.

 | Photo: Adam Naparty

Coworking

Das Angebot von offenen und geteilten Arbeitsräumen bringt Menschen und Expertise zusammen. Daraus entstehen neue Synergien und Unternehmen. Zudem funktionieren Coworking spaces oft in Kombination mit anderen Nutzungen, sind also Teil von Multifunktionalen Räumen, die dadurch eine tägliche Nutzung haben. Die Studie „Coworking im ländlichen Raum“ der Bertelsmann Stiftung stellte heraus, dass geteilte Arbeitsräume im ländlichen Raum besonders gut funktionieren, wenn sie von Netzwerken geschaffen und genutzt werden. Vor allem periphere ländliche Räume können durch neue Arbeitsorte Zuzug und belebende Effekte erzielen, indem sie einen guten Anschluss für Freiberufler*innen und Gewerbetreibende bieten. Zudem funktionieren sie oft in Kombination mit anderen Nutzungen, sind also Teil von Multifunktionalen Räumen, die dadurch eine tägliche Nutzung haben.

Mit der Kaiserlichen Postagentur in Raddusch im Spreewald ist eine ehemalige Gaststätte zum Kompetenzcluster für innovative Formen der Regionalentwicklung geworden. Das Haus in der Radduscher Dorfstraße hat in den vergangenen Jahrzehnten vielfältige Nutzungen erfüllt. Der ehemalige Kolonialwarenladen wurde als Tanzsaal und Gaststätte genutzt, bevor das Gebäude viele Jahre leer stand und zunehmend verfallen ist. Umgebaut zum Coworkingbüro und Veranstaltungsort, hat es spannende Initiativen aus der Region angezogen. Es wurde zum Sitz des Vereins “Lausitzer Perspektiven”, der engagierte Menschen zusammenbringt, welche zukunftsfähige Konzepte für Strukturwandel entwickeln und umsetzen. Auch die Spreeakademie ist dort zu finden, die sich im Kontext nachhaltiger Regionalentwicklung mit Themen wie zukunftsfähiger Energieversorgung, Erhalt biologischer Vielfalt und nachhaltigem Tourismus befasst. Als dritter Regionalentwickler ist der Wertewandel e.V. dort vor Ort. Er beschäftigt sich u.a. mit Bildung und Qualifizierung zum Thema Arbeit im Wandel und organisiert Formate für Demokratie und Beteiligung.

 - Photo: Florian Bröckerd

Ein guter Ort für konzentriertes Arbeiten an neuen Ideen.

 | Photo: Florian Bröckerd

Digitalisierung

Vorausgesetzt, die technische mediale Infrastruktur in der ländlichen Regionen ist gegeben, ermöglicht Digitalisierung die unmittelbare Information über das Vorgehen in der Region und schafft Sichtbarkeit für regionale Services und Veranstaltungen. Gleichzeitig kann der Zuzug von Digitalarbeiter:innen die Notwenigkeit einer besseren medialen Anbindung und neue Angebote hervorrufen. Um Digitalkompetenz gerade auch für zukünftige Generationen auf dem Land zu fördern, widmen sich einige Initiativen bewusst diesem Bildungsauftrag. Da Regionen oftmals dünn besiedelt sind und digitale Formate auf Dauer oft nicht funktionieren, gibt es mobile Lösungen. Ob in Bussen, wie denen vom Fab-Mobil, oder in Containern von CoworkLand – viele Angebote können auch flexibel und temporär erprobt werden.

Als wir hierher gekommen sind, gab es keinen öffentlichen medialen Raum, nur die lokale Zeitung und einen E-Mailverteiler. Wir wollten Kommunikationswege schaffen: mit einer App, in der man Veranstaltungen posten kann und in der verschiedene Medien parallel präsentiert werden.

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Janosch Dietrich / Gründer

Coconat

Der Verstehbahnhof in Fürstenberg/Havel, vereint Rechenzentrum und öffentliches Wohnzimmer. Hier wird der selbstbestimmte Umgang mit Technologien vermittelt und (junge) Menschen dazu befähigt, die digitale Gesellschaft nach ihren Vorstellungen mitzugestalten.

In der ehemaligen Bahnhofswartehalle des noch aktiven Bahnhofs Fürstenberg in Brandenburg ist ein Treffpunkt und Bildungsort für Digitalisierung entstanden. Der Verstehbahnhof ist Makerspace, offene Werkstatt, Medienproduktionsstudio, Rechenzentrum, Veranstaltungshalle, soziale Küche und öffentliches Wohnzimmer. Kinder und Erwachsene erwerben hier die Fähigkeiten und das Wissen, um die digitale Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen mitzugestalten. Neben der Vermittlung praktischer Skills wie zum Beispiel Elektronik-Löten und Programmieren werden auch theoretische und ethische Fragen zum verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien diskutiert. Der Verstehbahnhof bietet sowohl Platz für Workshops, Projekttage und -wochen als auch für Fortbildungen und themenspezifische öffentliche Veranstaltungen. Hier wird Digitalisierung nicht nur versteh-, und begreifbar, sondern macht Spaß!

 - Photo: Verstehbahnhof

Sieht aus wie ein Wohnzimmer, beherbergt aber spannende Technik.

 | Photo: Verstehbahnhof
 - Photo: unsplash
Gründerkultur und Startup Szene auf dem Land?

 Möglich ist das hier.

 | Photo: unsplash

Unternehmertum

Unter dem Schlagwort soziales Unternehmertum formiert sich eine Bewegung, die verstanden hat, dass Gewinnmaximierung selten im Interesse der Angestellten, Partner*innen und Konsument*innen ist und dass durch kluge Investitionen eine nachhaltige Entwicklung und regionale Kreisläufe unterstützt werden können. Unternehmer*innen haben ein ureigenes Interesse, im Kampf um Fachkräfte zu bestehen. Dafür schaffen sie attraktive Arbeitsbedingungen und unterstützen ein Umfeld von hoher Lebensqualität

Gewinn auf beiden Seiten.

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Hans van Leeuwen / Eigentümer

Kühlhaus Görlitz

Sie können in der Entwicklung von Immobilien als Nutzer*innen, Eigentümer*innen oder Ankermieter*innen auftreten und eine wichtige Rolle für die erfolgreiche Entwicklung einnehmen. Nicht selten sind Unternehmer*innen aufgrund steigender Mietkosten und fehlender Freiräume auf der Suche nach attraktiven Standorten oder suchen die Nähe der Kultur- und Kreativwirtschaft, um neue Impulse für die Produktentwicklung zu bekommen. Als Kommune können Sie hier wertvolle Win-Win-Situationen schaffen und Innovation, Arbeitsplätze und zukunftsfähiges Gewerbe in Ihrer Region ansiedeln.

Um den übergreifenden Wandel nachhaltig gestalten zu können, braucht es den intensiven Austausch zwischen verschiedenen Unternehmen und Start-Ups, die sich gegenseitig befruchten. Sozialunternehmerisches Handeln ist auch außerhalb von Großstädten möglich. Dabei helfen vor allem die kurzen Wege von der Theorie zur Praxis.

 - Foto: Lena Heiss
Tobias Keye / Gründer
RothenklempeNOW

Auf Gut Boltenhof wurden in den ersten 5 Jahren seit der Entstehung 22 Arbeitsplätze geschaffen: Von Chefköch*innen über Gärtner*innen, Tierärzt*innen hin zu Erzieher*innen. Durch die lokal erzeugten Produkte vom Gut Boltenhof werden regionale Wertschöpfungsketten unterstützt.

Einer der ersten ländlichen Co-Working Spaces in Deutschland ist zudem einer der bekanntesten. Digitalisierung und moderne Angebote sind durch das Coconat ganz in der Region angekommen, die offenen Treffpunkte des ehemaligen Hotels werden von lokalen wie internationalen Gästen besucht. Das Coconat ist eines der ersten ländlichen Coworking Spaces in Deutschland. Der vom Coconat initiierte Smart Village e.V. ist Projektträger und Impulsgeber für weitere Förderprojekte mit überregionalen Effekten. Weitere Initiativen wie Neuland21 e.V. haben sich vor Ort angesiedelt und neue Projekte angestoßen. Als Folge ziehen vermehrt Menschen und Social Startups in die Region und die angrenzenden Städte werden zur Modellregion für Digitalisierungsprojekte.

 - Photo: Lena Heiss

Hier wächst neben Gemüse auch eine nachhaltige Start-Up Szene.

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Das Dorf Rothenklempenow in Mecklenburg Vorpommern hat sich zum Zentrum einer lebhaften Nachhaltigkeitsszene entwickelt und schafft Lernangebote, Arbeitsplätze und Räume für ökologische Landwirtschaft. Die Höfegemeinschaft Pommern konnte durch die BioBoden Genossenschaft ihre Böden für die ökologische Landwirtschaft sichern. Durch die lebhafte Nachhaltigkeitsszene, die sich um die Höfegemeinschaft Pommern herum entwickelte, zieht es immer mehr Sozialunternehmen und Startups im Food-Sektor nach Rothenklempenow. Aktuell entwickelt das Team Stipendien und Residenzen vereint als Initiative RothenklempeNOW.

 - Photo: Lena Heiss
 | Photo: Lena Heiss


Ein Ding der Möglichkeit entwickelt als Genossenschaft im Wendland (Niedersachsen) einen Ort für innovative Wohn- und Arbeitsformen und verbindet dabei privates Wohnen, Gästehaus, Seminarbetrieb, sowie Kultur- und Bildungsangebote mit Kreativ- und Innovationslabor. Seit März 2021 beherbergt das Gästehaus Übernachtungsgäste in 15 Zimmern. Die Außengastronomie in Innenhof und Garten steht für Wendländer*innen und Gäste offen. Neben der Tischlerwerkstatt gibt es einen Seminarraum, in dem u.a. Coachings für Gründer*innen mit Fokus Sozialunternehmertum stattfinden.